Geschichte

Zwischen Naturaliencabinet und moderner Wissenschaft

Die Aargauische Naturforschende Gesellschaft, ANG, wurde 1811 als drittälteste der Naturforschenden Gesellschaften der Schweiz von einigen naturbegeisterten "Privatgelehrten" gegründet.

Die "Chronik der ANG", verfasst von Vorstandsmitglied Peter Ehrensperger zum 175-jährigen Jubiläum der ANG 1986 (Mitteilungsband 31), stellt uns die Forscherwelt des 18.Jahrhunderts vor: So beschäftigte sich die ANG in ihren Anfängen mit der Hungersnot in ganz Europa von 1816/17 - Justus v. Liebig's Düngerlehre war noch nicht geschrieben. Bis zu Charles Darwin's Evolutionstheorie, die das natur- und geisteswissenschaftliche Denken revolutionierte, sollten noch 40 Jahre vergehen, und vor Louis Pasteur glaubte man noch, dass Bakterien, Würmer und Fliegen durch "Urzeugung" aus Dreck entstehen!

Einige Wegmarken:

1818 wird ein botanischer Garten in Aarau vorgeschlagen, der Regierungsrat ist bereit, jährlich 400 Franken dafür zu verwenden, aber wegen den schlechten Zeiten wird der Beschluss nicht ausgeführt.

1827 wird mit privaten Sammlungen der Mitglieder das "Naturaliencabinet" – das erste "Naturmuseum" – eröffnet.

Zur 500.Sitzung der ANG 1869 erscheint die erste Publikation mit naturwissenschaftlichen Beiträgen aus dem Aargau. Sie ist der "Prototyp" der Mitteilungen der ANG, die ab 1878 alle zwei bis sechs Jahre herausgegeben werden. Im Jahre 2005 ist der neueste Band 36 erschienen.

Um die Jahrhundertwende wird unter Leitung von ANG-Mitglied Friedrich Mühlberg die "Quellenkarte des Kantons Aargau" herausgegeben. In 10-jähriger Arbeit, mit über 100 vom Kanton zur Verfügung gestellten Mitarbeitern wird ein Inventar aller Quellen erstellt; es ist entscheidend für die sichere zukünftige Trinkwasserversorgung.

Mit der Statutenrevision 1902 macht die ANG einen zukunftsträchtigen Schritt: Erstmals erhalten auch die Frauen Zutritt zur Gesellschaft.

Ab 1905 wird auf einen eigenen Museumsbau hin gearbeitet. Die ANG kauft 1917 die Villa Hunziker-Fleiner an der Feerstrasse und erbaut auf deren Areal entlang der Bahnhofstrasse mit je einem Sechstel Beteilugung von Stadt und Kanton das Museum, welches 1922 eröffnet wird.

Ab 1986 wird zusammen mit Stadt und Kanton das ganze Museumskonzept neu überdacht. Für die Immobilien und Sammlungen wird eine Stiftung gegründet. Die Villa macht einem Neubau Platz. Das Museum von 1922 wird renoviert und dient den Sammlungen als Lagerraum und als Büro für die Museumsleitung sowie für Aktivitäten im Bereich Umweltbildung, Nachhaltigkeit und Naturschutz

Im April 2002 wird das umgestaltete Museum als "Naturama Aargau" neu eröffnet.

Mit der ANG sind viele bekannte Aarauer Namen verbunden, so u.a. Heinrich Zschokke, Johann Rudolf Meyer, Friedrich Frey-Herosé, Friedrich Mühlberg, Hermann Kummler-Sauerländer, Paul Steinmann, vieles davon noch "Universalgelehrte", wie sie bei der heutigen Wissensflut nicht mehr möglich sind.

Bis anfangs 1999 war die ANG Eigentümerin des "Aargauischen Naturmuseums". Seit seiner Eröffnung 1922 wurde ihr aber bei Betrieb und Instandhaltung von Kanton und Stadt finanziell kräftig geholfen. Die Gründung der Stiftung Naturama am 6. Januar 1999 war kein leichter Schritt für die ANG, die sich mit dem Verlust ihres Naturmuseums abfinden musste und ihre ganzen Besitztümer in die Stiftung einbrachte.

Das zwang zu einer Neuorientierung: Heutiges Hauptziel der ANG und mit ihr der meisten Naturforschenden Gesellschaften, die keine Museen betreiben, ist nicht mehr die eigene Forschung, sondern das Verständlichmachen von wissenschaftlichen Inhalten, wie Gentechnologie, Kernenergie, Luftbelastung, vernetzte Umwelt. Laufend werden vom Volk in Abstimmungen Entscheide verlangt, die Wissen voraussetzen und nicht nur Ahnungen und Gefühle. Hier setzt auch der Dachverband an, die Akademie der Naturwissenschaften in Bern, als Bindeglied zwischen Forschung und Bevölkerung.

Die ANG ist bestrebt, mit Vorträgen, Exkursionen und Publikationen Wissen zu vermitteln. Sie ist überzeugt, dass auch im Zeitalter des Internet auf Wissen aus erster Hand nicht verzichtet werden kann.